GQ-Kolumnisten
David Baum

„Meine Herrschaften!“ – Unser Autor schreibt über Begegnungen, Affären und Karambolagen.

Meine Herrschaften #40

Das neue Jahrtausend hielt für uns Auslandsösterreicher einige Zumutungen bereit. Bislang hatten wir eine Art Exotenstatus genossen und von dem allgemein verbreiteten Irrglauben profitiert, unser Völkchen würde aus sieben Millionen hochcharmanten Walzertänzern mit Geheimrezepten für köstlichen Kaiserschmarren bestehen. Nun aber hatte sich das real existierende Österreich an der Wahlurne hinreißen lassen, Jörg Haiders FPÖ zur zweitstärksten Partei des Landes zu machen. So kam es, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Republik ein darüber recht ungehaltener Bundespräsident eine rechtskonservative Regierung bestallen, sprich: vereidigen musste. Noch viel verärgerter als das Staatsoberhaupt in der Hofburg reagierten die Regierungschefs der restlichen EU-Länder. Diese konnten damals noch nicht wissen, dass auch in ihren eigenen Parlamenten bald recht ähnliche Fraktionen Platz beanspruchen würden. Noch war es aber nicht so weit und so wurden reichlich fragwürdige Sanktionen beschlossen, welche die ungezogenen Wahlberechtigten Österreichs mit Liebesentzug läutern sollten. Wir Auslandsösterreichern bekamen überall tadelnde Blicke zugeworfen, was so manchen von uns zu hilflosen Verzweiflungstaten, wie der Gründung einer in einer Berliner Kneipe angesiedelten Exilregierung hinreißen ließ.

Die österreichische Regierung hatte in der Zwischenzeit ihre Arbeit aufgenommen, und in der heiklen Besetzung des Auswärtigen Amtes einen wahren Glücksgriff getätigt. Benita Ferrero-Waldner, Zahnarzttochter aus dem Stille Nacht-Örtchen Oberndorf bei Salzburg, die bereits als UN-Protokollchefin bei Boutros Boutros-Ghali im Stahlbad der internationalen Diplomatie geplanscht hatte. Lovely Benita tourte überall dorthin, wo sie nicht willkommen war und überzog ihre hilflosen Amtskollegen mit einem diktatorischen Charme. Bald war sie als „Ferrero Küsschen” berüchtigt, als „Frau mit dem Kampflächeln“ oder aber auch als „Atomwaffe der Herzen“.

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Inzwischen mussten wir in Hamburg angesiedelten Ösis mit einer ganz anderen Situation umgehen. Die Hamburger hatten es den Österreichern gleichgetan und den verhaltensauffälligen Richter Ronald Barnabas Schill ins Rathaus entsandt. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Ferrero-Küsschen an der Alster auftauchen würde, um mit Gleichgesinnten Freundschaft zu schließen.

Bald hatte ich die Einladung des Ersten Bürgermeisters Ole von Beust zur Europarede meiner Außenministerin im Postkasten.

Recht sicher wurden im Hamburger Rathaus noch nie so viele Handküsse vergeben, aber auch sicher noch nie so viele leere Floskeln über Europa verloren, als in dieser Veranstaltung. Dann war es soweit und Ole von Beust kam mit Benita und stellte mich vor. Ich blickte in dieses monströse Lächeln und tatsächlich ging etwas Lähmendes davon aus.

Ferrero-Waldner fragte mich, woher in Österreich ich denn kommen würde. Artig nannte ich das Dorf aus dem ich stamme – mitsamt dem Hinweis, dass dieses nur wenige Kilometer von ihrem eigenen Geburtsortes entfernt läge und auch ein Stille Nacht-Örtchen sei, sie es also kennen müsste. Schließlich war der Komponist des Liedes, das ihr Kleinstädtchen weltberühmt gemacht hatte, in unserem Ort geboren. Sie aber schüttelte den Kopf und sagte: „Wissen Sie ich hab mich immer schon mehr in die Welt orientiert, als in die Provinz.“ Mir blieb die Spucke weg. Doch da kam schon der nächste Frechheit. „Und haben’s noch Heimweh?”, fragte mich die Außenministerin. Ich erklärte empört, dass ich kein Internatskind sei und deshalb auch kein Heimweh habe. Sie lächelte  süßlich, beugte sich nah zu mir und fügte hinzu: „Aber es gibt doch sicher viele andere Österreicher in Hamburg, unternehmen sie doch mal was zusammen.“ Bevor ich die Frechheit fassen konnte, strahlte das Ferrero-Küsschen-Gebiss schon in eine andere Richtung. Der Bürgermeister zuckte mit den Schultern und folgte ihr.

Es ist schon klar, mit dieser Art und dieser Taktik hat Benita Ferrero-Waldner für das Land in der misslichen Lage einiges erreichen können. Sie selbst meinte, damit auch das Amt des österreichischen Bundespräsidenten einnehmen zu können. Und tatsächlich blickte sie wie eine strenge Lehrerin von den, die kontrolliert, ob die Österreicher auch die richtige Lösung ankreuzen würden.

Doch wie soll man es am besten ausdrücken: Ihr Ergebnis war ungenügend. 

Meine Herrschaften #39

Leider besitze ich seit langem keinen weißen Anzug mehr. Der wunderschöne cremefarbene, den ich vor vielen Jahren in der allerersten Herr von Eden-Boutique im Hamburger Karoviertel gekauft hatte, muss  auf einem der vielen Umzüge verloren gegangen sein.

Vor vier Jahren habe ich nach diesem weißen Anzug wie verrückt gesucht. Marc hatte zu seinem 40. Geburtstag eingeladen und die mit Abstand amüsanteste Einladung verfasst, die je in meinem Postkasten gelandet war. Er hatte jeden Eingeladenen darauf einzeln vermerkt – mitsamt einer Regieanweisung, wie man zu erscheinen hatte. „Ganz in schwarz (wie immer), in der rechten Hand einen frisch redigierten Brief von Ulrike Meinhof“ lautete etwa eine davon. Hinter meinem Namen stand „In einem weißen Anzug wie Gründgens an einem schönen Sonntagmorgen 1940, als der Krieg noch zu gewinnen schien.“

Ich kannte mich sofort aus. Es war eine alte, etwas böse Idee von Marc gewesen, dass sich exakt die Hälfte der Gäste eines Festes als Hollywoodstars und die andere als Nazigrößen zu verkleiden hatte. In einem seiner Romane gab es dieses Fest sogar – und ich meine mich zu erinnern, dass am Ende Rock Hudson in einer Nische Sex mit Leni Riefenstahl hatte. Oder Marylin Monroe mit Rommel? Ich war jedenfalls froh, wenigstens nicht in Naziuniform erscheinen zu müssen, und suchte meinen cremefarbenen Anzug.

Wann und wo ich Marc zum ersten Mal getroffen habe, kann ich mich  nicht richtig erinnern. Es muss im Hamburg der Neunzigerjahre gewesen sein. TEMPO hatte gerade dicht gemacht und alle versprengten Autoren des Magazins standen wie er abends in der Tele 5-Bar und im Purgatory herum und betäubten ihren Verlust. An einem dieser Abende muss es gewesen sein, dann hörte es einfach nicht mehr auf, dass wir uns trafen. 

Viele Jahre später in Berlin machten wir zusammen ein Magazin. Marc war Textchef und eigentlich schrieb er nur wenige Beiträge um, die meisten verfasste er völlig neu. Eines Tages kam brachte er ein Foto von einer Japanreise mit. Dieses war Teil einer Reportage über irre Sammler. Auf dem Bild war ein Japaner zu sehen, der vor seinem Reihenhaus stand und mit dem Gartenschlauch den gestutzten Rasen sprengte. Dazu trug  er eine von Orden überladene weiße Uniform. „Es ist die echte“, sagte Marc aufgeregt. „Görings echte Reichsmarschalluniform.“

Wir verbrachten den Rest des Abends vor der absurden Aufnahme, tranken Rotwein und amüsierten uns darüber, wie es der fette Göring  gefunden hätte, wie und wo sein geliebtes Lametta eines Tages enden würde.

Als im April 2010 die Einladung zu Marcs 40. Geburtstag eintraf, wusste ich also recht genau, worauf er mit seiner Kostümanweisung anspielte und freute mich auf die groteske Maskerade mit ihrer feinen Note üblen Geschmacks. Doch es half nichts, der cremeweiße Anzug blieb verschollen. Ich suchte sogar einen Kostümverleih auf, aber die weißen Anzüge dort waren alle untragbar – wie weiße Anzüge es im Regelfall nun mal sind. Ich war darüber schrecklich enttäuscht, auch über mich selbst, in der Geheimsache „Weißer Anzug” derart versagt zu haben. Ich beschloss kurzerhand, abzusagen. Marc rief an, dass ich keinesfalls fehlen dürfte, dass ich es bereuen würde, nicht zu kommen, ich möge doch unbedingt dabei sein, egal wie ich angezogen sei, das mit Gustaf Gründgens sei bloß ein Gag gewesen.

Ich bin nicht gefahren. Ich habe mir vorgenommen, einen ordentlichen weißen Anzug zu besorgen und darin auf Marcs 41. Geburtstag aufzutauchen. Ganz ohne Anweisung. Ich hielt das für eine großartige Idee und malte mir aus, wie herrlich die Überraschung geraten würde.

Ein Jahr später kam keine Einladung. Dafür die Nachricht, dass Marc sich in Berlin zwei Wochen vor seinem 41. Geburtstag aus dem Fenster gestürzt habe. Es hieß, Marc sei manisch depressiv gewesen und niemand habe das ahnen können.

Heute wäre Marc 44 Jahre alt geworden. Ich habe in meinem Kleiderschrank ein weißes Jacket entdeckt und kurz erwogen, es anzuziehen, aber es dann gelassen. Ich hätte darin eher wie Sonny Crockett aus Miami Vice ausgesehen. Vielleicht schaffe ich es nächstes Jahr einen adäquaten weißen Anzug aufzutreiben, so einen wie ich ihn tragen wollte, „als der Krieg noch zu gewinnen schien”.

Meine Herrschaften #38

Am Wochenende nach Ostern ist es soweit, dann wird Papst Johannes Paul II.heilig gesprochen. Für mich ist er irgendwie immer noch „der Papst”, ich hatte den Großteil meines Lebens nur diesen gekannt.

Und eigentlich habe ich mich bis heute nicht daran gewöhnt, dass erst Joseph Ratzinger und inzwischen Jorge Mario Bergoglio – mit Verlaub – im Kostüm meines Papstes herumlaufen.

Als Johannes Paul 2005 nach langem Leiden gestorben war, las ich, dass in der katholischen Domkirche Hamburgs ein Abschiedsgottesdienst stattfindet sollte. Da ich spürte, dass mit diesem Tod eine Ära zu Ende gegangen , vielleicht sogar das 20. Jahrhundert selbst endlich vorüber war, beschloss ich hinzugehen. 

Der St. Mariendom ist ein bescheidener Backsteinbau, der im früheren Arbeiterviertel St. Georg zwischen muslimischen Zentren und ein paar Schwulenbars liegt. Vor allem hat dieser Dom nicht besonders viele Sitzplätze, letztendlich weil diese auch nicht gebraucht werden.

Nun war die Kirche so voll, wie noch nie. Vor allem, weil es sich auch die Prominenz Norddeutschlands nicht nehmen hat lassen, dem Requiem beizuwohnen. Der Erste Bürgermeister und seine diversen Amtsvorgänger saßen da, die Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins und der dicke bärtige Mann, der sie wenige Tage später im Amt ablösen sollte, die evangelische Landesbischöfin, die evangelische Pröbstin – die vorderen zwei Drittel der Kirche waren jedenfalls mit lauter  Protestanten besetzt.

Ich selbst war gerade noch im Eingangsportal zu stehen gekommen, wo  ein paar mies gelaunte Sicherheitsleute versuchten, einen freien Gang zu verteidigen. Inzwischen lief die Messe, ohne dass nur ein bisschen Feierlichkeit aufgekommen wäre. Die protestantische Nüchternheit hatte sich offenbar auf das Zeremoniell der Hamburger Katholiken niedergeschlagen. Zudem hielt das Publikum im vorderen Teil der Kirche nicht viel von Aufstehen oder gar Niederknien und wusste auch nicht so genau, was man in der Liturgie wann und wo zu antworten hatte. Vor der Kirche hatten sich währenddessen immer mehr Menschen angesammelt, die versuchten von draußen etwas mitzubekommen und den Securities und ihrem Fluchtweg immer stärker zusetzten.

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Schließlich setzte der Bischof an, den Schlusssegen zu sprechen – als die Menge von hinten ärgerlich zu murren begann. Plötzlich drängte sich ein junger Mann an den Sicherheitsleuten vorbei und begann etwas in Polnisch zu singen: „O Panie, to Ty na mnie spojrzałeś…

Erst jetzt begriff ich, dass die vielen Menschen vor dem Tor vorwiegend Polen waren, denen der Abschied von diesem Mann ein größeres Anliegen gewesen war, als den Hansepromis in den ersten Reihen, die sich nun irritiert umsahen. Nach und nach fielen die Menschen draußen in das Lied ein, und die Klänge von „Barka”, dem polnischen  Lieblingslied des Papstes, drangen herein. Der Bischof unterbrach und lauschte andächtig und etwas verlegen dem Gesang.

Ich hatte das Gefühl, auf dem schönsten Abschiedsgottesdienst zu sein, den ich mir nur hatte vorstellen können. Es schien mir sogar, in diesem Moment eine Ahnung bekommen zu haben, wer die Polen wirklich sind, wieso sie es waren, die Solidarność hervorgebracht hatten – und diesen Papst.

Die Polen von Hamburg sangen alle drei Strophen der Barka und ich musste ein wenig heulen. Dann beendete der Bischof noch seinen Segen und alle verließen still den Dom. 

Ich weiß nicht, ob Karol Wojtyła heilig ist, aber dieser Moment seines Abschiedes, ist es ganz sicher gewesen.

Meine Herrschaften #37

Es war die ungewöhnlichste Anreise meines Lebens. Ich wachte morgens daheim in Österreich auf, fuhr zum Münchener Flughafen, um von dort nach Genf zu starten, wo Michael Schumacher bereits mit dem Privatjet wartete. Von dort flogen wir zusammen nach Nizza, von wo uns schließlich ein Helikopter nach Monaco zu unserem Fotoshooting bringen sollte. Um elf Uhr Vormittag hatte ich also bereits  fünf Länder bereist.  

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Ich hatte Michael Schumacher noch nie getroffen, und mich auch nicht sonderlich für ihn interessiert. Autorennen bescherten mir Kopfschmerzen und ich hatte den Eindruck, dass stilistisch nach Jochen Rindt nicht mehr viel kommen könnte.

Nun saß ich also mit Schumi im Jet und der Zeitplan sah vor, dass wir mit unserem Interview beginnen. Dabei sollten wir auch darüber sprechen, dass es mit seinem Comeback gerade nicht so optimal lief. Er hatte Sonnenbrillen auf und schien nicht besonders motiviert, solcherlei zu besprechen. Hinter den dunklen Gläsern war nicht das geringste Mienenspiel auszumachen.

Also griff ich zu den letzten Mitteln – und versuchte ehrlich zu sein. Ich sagte: „Was Sie nicht wissen können, ist, dass ich mich weder für Sie noch für Ihre Erfolge je interessiert habe. Aber jetzt, da Sie Misserfolge einfahren, Sie kämpfen und aushalten müssen, dass man über sie schimpft, und irgendwie als strahlender Held gebrochen sind, finde ich sie sehr interessant.“

Im marmornen Schumachergesicht war immer noch keine Regung zu erkennen. Ich meine aber einen Anflug von Fassungslosigkeit ausgemacht zu haben. Dann nahm er die Brille ab und ich blickte in diese grünbraunen Schumacheraugen, die ich auf den Fotos stets für fotogeshoppt hielt. Dann sagte Michael Schumacher: „Sie sind ja lustig.“ Es wurde ein gutes Gespräch. 

Im Helikopter über der Côte d’Azur nickte Schumacher neben mir ein. Dabei schillerte das Meer unter uns in den herrlichsten Farben, während sich die abenteuerlichsten Wolkentürme darüber über den Himmel schoben. Ich rüttelte an Schumacher, der mich verdattert anschaute. „Was ist denn?“, fragte er. „Nun gucken Sie doch, wie wunderschön das ist“. Schumi schüttelte lächelnd den Kopf und schloss  die Augen. „Das ist es doch immer“, murmelte er und pennte wieder weg.

Es war klug von ihm, sich auszuruhen. Michel Comte, unser Fotograf, hatte einen unfassbar anstrengenden Shootingtag organisiert.  Schumacher musste dafür von fahrenden Booten springen, mit dem Motorrad durch Monte Carlo zischen und auf dem Platz vor dem Casino in einem Sportwagen posieren, was zu einem derartigen Tumult von Fans und Schaulustigen führte, dass die Polizei die Straßen absperrte. Am Abend fuhren wir mit einem Van zurück zum Flughafen. Schumi nickte neben mir wieder ein, er hatte seine Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen, sein Kopf neigte sich zur Seite und sank beinahe auf meiner Schulter. 

Er sah so friedlich aus. Ich dachte mir, dass dieser Schumacher ein sehr, sehr glücklicher Mensch sein muss. Wer so friedlich schläft, der ist mit sich im Reinen.

Meine Herrschaften #36

Man kann es sich unter den heutigen Umständen kaum vorstellen, aber vor nur wenigen Jahren konnte man die Russen noch richtig lieb haben. Nicht bloß weil Wladimir Putin gerne mal zum Austernessen bei seinem Kumpel Gerd Schröder in Schöneberg vorbeischaute, die Russendisko des Schriftstellers Wladimir Kaminer noch heiß und fetzig war und die Lehrer der Münchener Otto-Falckenberg-Schule bereits wussten, dass Ihr Schüler Vladimir Burlakov recht bald der beste Jungschauspieler Deutschlands sein würde. 

In Wahrheit liebten wir im Berlin der Nullerjahre die Russen so sehr, weil sie uns ein Botschafterpaar geschickt hatten, das dieser Stadt jenen Hauch an Glamour und Wahnsinn verlieh, zu der sie selbst nicht im Stande gewesen war.

Ich weiß noch, als ich Maria Koteneva zum ersten Mal auf einer Party von Wolfgang Joop erblickte. Wie ein Hollywoodstar stand sie auf der Wiese mit Blick auf das Marmorpalais und es schien, als würde der Glanz ihres Abendkleides weit über den Heiligensee schimmern. image

Die Kotenevs hatten Stalins Zuckerbäcker-Botschaft Unter den Linden für die Berliner Gesellschaft geöffnet. Die Bälle, die sie gaben, schäumten vor Prunk und Ausgelassenheit. Sie erzählten die wunderbarsten Märchen, aber vor allem jenes, dass dieses neue Russland ein modernes, irgendwie magisches Zarenreich sein muss. Es war ihnen gelungen, den abgestandenen Mythos von der deutsch-russischen Freundschaft mit Champagner aufzugießen und prickelnd erscheinen zu lassen. 

So tanzte Berlin voller Freude durch die glamourösen Räume der ehemaligen Sowjetbotschaft, erfreute sich an russischen Militärkapellen, die Swing spielten und dazu auch noch Can Can tanzen konnten. Man naschte da und dort an Kaviar, und ließ sich von eigens eingeflogenen Russenomas aus der Hand lesen. Schöne Schauspielerinnen, staunende Vorstandsvorsitzende, diplomatisches Corps, Modeschöpfer und der Prinz von Preußen standen nicht an, sich in die große Polonaise dieses russischen Staatszirkus einzureihen.

Man munkelte natürlich über die Nähe des Diplomatenpaares zu Putin und deren gemeinsame Vergangenheit in der DDR, wo der heutige Präsident den KGB geleitet und Kotenev als Botschaftssekretär gearbeitet hatte. Sensationsheischend wurde in der Berliner Society behauptet, Maria sei die mit den perfekteren Beziehungen in die russische Elite und alten Seilschaften. Doch all das machte die Kotenevs noch aufregender, noch unwiderstehlicher.

Eines Tages war ich beim Botschafter zum Tee geladen und erhielt eine ausgedehnte Führung durch die Botschaft. Es war ein prächtiges Gebäude, das die untergegangene Sowjetunion in ungekanntem Glanz erstrahlen ließ. Eine riesige Fensterwand zeigte den  Roten Platz als Mosaik von buntem Glas. Stolz verwies Exzellenz auf die funktionierende Uhr in einem der Türme, wo selbstverständlich die aktuelle Uhrzeit in Moskau angezeigt würde. Ein großer silbern schillernder Konferenzsaal versammelte die alten Wappen der Sowjetrepubliken. Als ich etwas erstaunt die vielen Hammer und Sichel betrachtete, zeigte der Botschafter auf die Wandlampen: „Erkennen Sie diese hier?“, fragte er. Ich stutzte und schüttelte verwundert den Kopf. „Die sind noch älter, die sind aus Hitlers Reichskanzlei, haben wir einfach umgedreht! Recycling !“, sagte der Botschafter und lachte laut. Auf der Freitreppe deutete er auf den roten Marmor des Bodens. „Und das ist der Marmor, den General Manstein seinem Führer für das Siegesdenkmal des Dritten Reichs auf dem Roten Platz geschenkt hat. Wie bekannt ist, wurde er  nicht gebraucht und wir haben  hier eine bessere Verwendung gefunden!“ Wieder lachte der Botschafter und ich lachte mit, seine Schwänke ließen die Geschichte des 20. Jahrhundert, die gerade im Zusammenprall von Deutschen und Russen so besonders grausam verlaufen war, regelrecht amüsant aussehen.

Dann saßen wir  beim Tee und irgendwie konnte ich es nicht lassen, unhöflicherweise nachzufragen, wie es um die lupenreinen Demokratie wirklich stünde und wieso viele russische Journalistenkollegen das anders sehen würden. Der Botschafter rührte in seinem Tee und erwiderte: „Wissen Sie, so lange ich jeden Tag in der russischen Presse lesen kann, wie schlecht es um die Pressefreiheit im Land bestellt sei, mache ich mir um diese keine Sorgen.“ Der Gag war gut, aber diesmal lachte Kotenev nicht mehr so schallend wie zuvor, vielmehr schmunzelte er, ich meine säuerlich.

Wir plauderten über dies und über das, bis mir einfiel, dass ich etwas mitgebracht hatte, das die Stimmung wieder heben könnte. In einer alten Kiste waren mir Fotos, die ich als Kind bei einem DDR-Besuch in den 80ern gemacht hatte, in die Hände gefallen. Da Kotenev damals bereits in Berlin gelebt hatte, hielt ich es für eine amüsante Idee, diese mitzubringen. Man sah das isolierte Brandenburger Tor im Niemandsland stehen, man sah das Hotel Unter Linden und das Lampenmeer im  Palast der Republik – alles aus der Perspektive eines Kindes aufgenommen. Der Botschafter betrachtete die Bilder versonnen. Bei der letzten Fotografie runzelte er allerdings ärgerlich die Stirn. Es zeigte die Wachablöse im Stechschritt vor der Neuen Wache. „Sie wissen, dass es verboten ist, die Wachablöse zu fotografieren“, blaffte er mich an. ich schluckte, dann sagte ich: „Das mag sein, Exzellenz. Aber wer soll mich dafür belangen?“ Der Botschafter stutzte und begann wieder schallend zu lachen. „Sie haben Recht, wer soll sie dafür belangen? Keiner mehr da!

Es war obwohl wir amüsiert auseinandergingen mein letzter Besuch bei den Kotenevs. Die Zeiten der glamourösen Partys und Bälle in den Botschaften waren eines Tages vorbei. Die schillernden und skandalverliebten Borers sind in die Schweiz bzw. nach Texas zurückgekehrt, der charmante Italiener Puri Purini ist abgetreten und inzwischen leider verstorben, und auch die Kotenevs mussten schon einigen Jahren ausziehen. 

In den Botschaften von Berlin geht es lange nicht mehr um Gästelisten, Mitternachtseinlagen oder Menüfolgen. Die Party ist vorbei.

Meine Herrschaften #35

Auf gar keinen Fall solle ich bei der Einreise nach Israel angeben, dass ich als Reporter gekommen war, hatte Sayah auf mich am Telefon eingeredet. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn jemand von unseren Plänen Wind bekäme. Ich verstand die ganze Aufregung nicht, schließlich wollten wir bloß eine Homestory machen, aber mein palästinensischer Kontaktmann, würde schon wissen, was zu tun ist.

Also behauptete ich auf dem Visa-Formular als „Party-Tourist“ gekommen zu sein und verlebte – da ich natürlich keine israelischen Behörden beschwindeln wollte – erst einmal ein paar fröhliche Tage und Nächte in Tel Avivs Partyszene. Mit Sayah war vereinbart, dass er sich wenn die Sache anläuft im Hotel melden würde. Es hatte etwas herrlich Verschwörerisches, als er plötzlich in der Halle des David Intercontinental stand und sich zu erkennen gab.

„Endlich sehen wir uns“, flüsterte der rundliche freundliche Araber mit dem lilageblümten Seidenhemd und umarmte mich herzlich, als wären wir alte Freunde. Dann rief er zur Eile, seine alten PLO-Kameraden würden schon auf uns warten. Wie bitte, was, PLO? Als ich eine Dreiviertelstunde später mit einer Runde bärtiger Palästinenser zusammensaß und bei süßem Tee die Vorgehensweise besprochen wurde, wie wir möglichst ohne Aufsehen in das Privathaus von Jassir Arafat nach Gaza kämen, wurde mir zum ersten Mal die eigene Courage etwas ungeheuer.

Sayah ist Fotograf von Beruf, hatte schon für Paris Match gearbeitet, und sich vor einigen Wochen bei uns in der Redaktion gemeldet und gefragt, ob man an einer Homestory bei den Arafats interessiert sei. Mein Chefredakteur war sehr interessiert. Und er fand dass ich als Österreicher der richtige Mann für den Job sei, schließlich hatte unser früherer jüdischer Bundeskanzler es fertig gebracht, als einziges westliches Land der PLO eine Botschaft in Wien einzurichten.

So saß ich also in jener Nacht in einem alten Citroen und tuckerte mit Sayah durch die Wüste Richtung Gaza. Irgendwann blieben wir stehen und ich musste israelischen Soldaten eine von Sayah ausgedachte Geschichte – irgendwas von arabischen Freunden, die ich in Österreich kennen gelernt hätte, und die nun in Gaza leben und heiraten würden – erzählen. Ich fand, dass ich wenig überzeugend klang und schielte beunruhigt zu den Maschinengewehren ringsum. Aber flugs bekam ich meinen Pass zurück und wir durften in einer Art Niemandslandtaxi weiterfahren. Den alten Citroen ließen wir stehen. Am Wachposten der Palästinenser wiederholte sich das Spiel und wieder wurde mit Maschinenpistolen herumgefuchtelt, aber Sayah kürzte die Vorführung mit ein paar zackigen arabischen Worten ab und wir trudelten schließlich müde aber erleichtert in der Stadt Gaza ein.

Die sah auf den ersten Blick so ganz anders aus, als erwartet. Wir fuhren eine mehrspurige Straße entlang, in deren Mitte jemand Blumen und getrimmte Büsche gepflanzt hatte. Waren das etwa Geranien und  Buchsbäumchen?

„Suha Arafat liebt Paris“, sagte Sayah kundig. „Und jetzt haben wir unsere eignen kleinen Champs Elysee!“ Doch die Idylle sollte nicht lange währen. Bald stießen wir auf aufgebrachte Menschen, die durch die Straßen zogen und Parolen brüllten.

Ich blickte fragend zu Sayah. „Das ist nichts“, versuchte er mich zu beruhigen. Ein Offizier aus Arafats Armee hätte einen sechsjährigen Jungen vergewaltigt und ermordet. Arafat zögere nun dummerweise damit, den Mann erschießen zu lassen. Das käme im Ausland nicht gut an, das Volk aber fordere eine flotte Exekution.

„Ich finde ehrlich gesagt nicht, dass das nichts ist“, sagte ich zu Sayah, der aber nur mit den Schultern zuckte und mich im Hotel ablieferte und sich erst am kommenden Morgen wieder meldete.

Das Haus der Arafats war schmal und unscheinbar, man konnte nur an den vielen Sicherheitskräften mit ihren schweren Gewehren erkennen, dass jemand Bedeutsamer hier wohnen musste. Suha Arafat und ihre Mutter Raymonda Tawil standen winkend am Eingang. Die blonde Gattin des Palästinenserführers hatte sich in ein Thierry Mugler-Kleid geworfen. „Ich habe es bereits bei einer Audienz des Heiligen Vaters getragen“, sagte sie. Ich müsse wissen, dass die Tawils eigentlich ägyptische Christen seien, erklärte die Mutter. Aber an der Seite des Präsidenten habe Suha natürlich konvertieren müssen. Suha zeigte indessen auf ein Bild an der Wand, das sie genau mit dem Kostüm, einem schwarzen Spitzenschleier und Johannes Paul II. zeigte. Ich musste schmunzeln, denn die Wände entsprachen einem Klischee, das man gegenüber arabischen Wohnräumen hegt. Keines der unzähligen Bilder, auch nicht das riesige berühmte Ölporträt Jassir Arafats, schien im rechten Winkel zu irgendeinem anderen Bild zu hängen.

Während Sayah begann, Frau Arafat in diversen Kostümen zu fotografieren, fing ein Diener mit auffallend weißen Zähne an, den Esstisch mit den unterschiedlichsten Speisen vollzuräumen. Man hätte tatsächlich ein ganzes Hochzeitsbankett damit versorgen können.

Wir speisten also in den Nachmittag hinein und Frau Arafat diktierte mir ihre Liebesgeschichte mit dem viel älteren Palästinenserführer in den Block, ihr Leben zwischen Gaza und Paris und natürlich diverse Geschichten, wie scheußlich die Israeli sich gegenüber den Palästinenser verhielten. Frau Tawil hatte die ganze Zeit ruhig da gesessen, und fragte dann völlig unvermittelt und auf Deutsch: „Kannten Sie eigentlich ihren großen Bundeskanzler Kreisky?“

Ich stutzte, ich hatte Kreisky natürlich nicht kennen gelernt, als er abdankte war ich noch zur Volksschule gegangen. „Er war ein wundervoller und sehr warmherziger Mann“, schwärmte Frau Tawil und ersparte einem die Rückfrage. „Wir kannten uns sehr gut und er fehlt mir und der ganzen Welt sehr.“ Ich betrachtete die glänzenden Augen Frau Tawils und fragte mich, ob die politisch höchst umstrittene Anerkennung Palästinas durch Kreisky vielleicht noch einen persönlichen, möglicherweise gar romantischen Hintergrund gehabt haben könnte. Kreisky war als Weiberheld bekannt und Frau Tawil war besonders in jungen Jahren ganz sicher eine atemberaubende Frau gewesen . Frau Arafat betrachtete mich von der Seite, schien in meinem Gesicht zu lesen und erklärte das Mittagessen kurzerhand für beendet.

Draußen vor der Tür hatte sich ein Troß an schwer bewaffneten Securitys versammelt, auch Colonel Falima Bernaoui, die farbige Polizeichefin des Autonomiegebiets, war gekommen, um uns zu begleiten. Also besichtigten wir die Stadt, eine Schule, das erste Internetcafé, der Botschafter Ägyptens empfing zu Tee – was so ein Autonomiegebiet eben an Sehenswürdigkeiten herzugeben vermag. Nur auf dem Rückweg wurden die Securities etwas hektisch, als sich eine verschleierte Frau aus der Menge löst und auf Suha zustürzt, energisch auf sie einredet und ihr dabei fast das Hermes-Tuch vom Hals riss. „Das ist eine Hamas-Frau“, sagt Frau Tawil zu mir. „Ihre Mutter möchte nach Mekka haddschen, aber sie bekommt keine Reisegenehmigung. Das sind die Alltagsprobleme hier.“

Am nächsten Morgen saß Frau Arafat auf der Terrasse des Präsidentenpalastes, der noch nicht ganz fertig war. Eigentlich hätten wir hier ihren Mann treffen sollen, aber der musste sich wergen politischer Entwicklungen entschuldigen lassen. Also saßen wir in der Sonne und betrachteten die merkwürdiges Szenerie: Frau Arafat, wie sie in ihrem türkisen Kostüm vor Unterlagen sitzt, während die kleine Tochter Zahwa in einem von Michael Schumacher handsignierten Ferrari-Tretauto ihre Runden dreht. Im Hintergrund wieder schwer bewaffnete Soldaten, die ihre Maschinengewehre schussbereit hielten.

„Eine Reisegenehmigung für eine Pilgerfahrt, das bekomme ich hin“, sagte Suha Arafat über den Papieren. „Aber das hier, da kann ich mich nun wirklich nicht einmischen.“

„Worum geht es denn?“, frage ich.

Sie stöhnte leise.

„Ach, Amnesty international und alle möglichen Organisationen schreiben mir und fordern ich auf etwas zu unternehmen…“ Es ginge um jene Exekution, aber sie könne da auch nichts machen und ihr Mann auch nicht. „Würde er anders entscheiden, dann brennt doch hier die Stadt“, sagte sie.

Dann mussten wir aufbrechen. Zum Abschied überreichte mir Frau Arafat eine mit rotem Samt bezogene Schatulle, in der ein silberschillernder Teller eingebettet lag. Es ist eine zierreiche Perlmuttschnitzerei der Geburtsszene Jesu Christi.

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Als Sayah und ich Gaza verließen, herrschte wieder Aufruhr in den Straßen. „Die Leute sind immer noch sehr aufgebracht“, sage ich.„Nein, alles ist gut.“, sagt Sayah. „Sie feiern! Der Präsident hat den Mann erschießen lassen.“

Die Beamtin des Flughafens Tel Aviv hat mich lange mit ihren dunklen Augen gemustert, dann schaute sie wieder lange in meinen Reisepass. Dann sagte sie, ich solle mitkommen. In einem kahlen Nebenzimmer kamen nun mehrere Beamten und befragten mich, was ich die vergangenen Tage so alles unternommen hätte. Ich war Soldaten mit Maschinengewehren in der Wüste gewöhnt und erzählte souverän meine Story. Gerade als ich bildreich von meinen Ausflügen in die Tel Aviver Clubs erzählte, hielt mir einer der Männer, der meinen Koffer durchstöbert hatte, der Perlmuttteller unter die Nase. Auf der Rückseite war ein kleines Kärtchen montiert, das ich nicht gesehen hatte, auf dem zu lesen war: „For our friend David, with best regards: Jassir and Suha Arafat“.

Das war nicht gut. Die Entdeckung führte dazu, dass ich einen späteren Flug nehmen  und ich schließlich gestehen musste, um das mühsame Journalistenvisum zu umgehen, geschwindelt hatte. Die israelischen Beamten blieben dafür verhältnismäßig freundlich, die junge Frau mit den großen dunklen Augen konnte allerdings nicht glauben, dass wirklich jemand nach Gaza gereist war, um die Möbel der Arafats zu fotografieren. Ein paar Stunden später konnte ich doch fliegen.

Wie mir Sayah einige Wochen später am Telefon erzählte, sei Frau Arafat leider nicht sehr glücklich über die Geschichte gewesen, und auch er verstehe nicht, wieso unbedingt die Sache mit der Exekution im Text erwähnt werden musste. „Es war eine Homestory, was hat denn Politik in einer Homestory verloren“, beklagte er.

Suha Arafat und Zahwa leben heute auf Malta, nachdem man sie aus Gaza, Paris und schließlich Tunesien verjagt hatte. Die Perlmuttschnitzerei mit der Geburtsszene Jesu besitze ich bis heute. Sie ist eine Attraktion auf den diversen Krippenausstellungen des Salzburger Lands. 

Meine Herrschaften #34

Laut Karl Kraus (manche behaupten auch es wäre Karl Farkas gewesen) ist es die gemeinsame Sprache, die Österreicher und Deutsche voneinander unterscheidet. Außerdem heißt es, dass wenn Deutsche eine Lage als „ernst aber nicht aussichtslos“ ansehen, die Österreicher den Satz eher umgekehrt kennen: „Die Lage ist aussichtslos aber nicht ernst“. 

Wunderbare Bonmots – und doch musste ich erst einige Jahre im norddeutschen Exil zubringen, bis mir klar geworden war, woran sich die Mentalitäten wirklich scheiden. Es ist die höchst verschiedene Weise, wie die beiden deutschsprachigen Länder den Jahreswechsel begehen. Mal davon abgesehen, dass überall gesoffen wird und Fondue sich ohnehin über alle Völkergrenzen hinweg durchgesetzt hat: Es sind die Rituale, die geschaffen wurden, nachdem der gemeinsame Programmpunkt, am 31. Dezember der Ansprache eines Dr. Joseph Goebbels zu lauschen, aus bekannten Gründen ersatzlos entfallen war.

Passend zum provisorischen Charakter der frühen Bundesrepublik wurde ein Slapstick-Sketch einer englischen Wandertheatertruppe zum Silvesterritual der Deutschen: „Dinner for One”. Man lacht gemeinsam über ein paradoxes Ancien Régime, eine überkommene Gesellschaft und ihre Normen –  freilich nicht über die eigenen.

Als Kind empfand ich aufrichtiges Mitleid mit den Piefkes, weil sie jedes Jahr mit dem Schauspiel eines unzulänglichen Bediensteten und einer senilen Gastgeberin zubringen mussten. In meinen Hamburger Jahren lernte ich dann den legendären Kameramann kennen, der den Slapstick für den NDR nach dem Krieg gefilmt hatte. Gerne  lauschte ich den  Geschichten, wie das legendäre Filmchen entstanden und zur Tradition von Generationen aufgestiegen war.

Die Österreicher kehrten indessen zu einer Tradition zurück, die es in dieser Form gar nicht gegeben hatte, aber irgendwie den Schall aus vermeintlich besseren Zeiten hören ließ. Also lauschen wir um Mitternacht der Pummerin, einer Art Nationalglocke, die 1951 aus den Überresten der alten kaiserlichen Stephansglocke gegossen wurde. Das Material stammte noch aus osmanischen Waffen der Zweiten Türkenbelagerung. Geweiht ist die Pummerin der heiligen Maria Mutter Gottes, der „Königin Österreichs” wie die Inschrift verkündet. Gut, dass die hocharistokratische Miss Sophie stumm ist, und sich über diese Konkurrenz erst gar nicht äußern muss.

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Die Pummerin hängt im kleinen Nordturm des Wiener Stephansdomes und ihr Geläut wird auf allen Kanälen um Mitternacht übertragen. In ihre dunklen Klänge mischen sich nach und nach die ersten Takte des Donauwalzers, der von fast allen sieben Millionen Ösis getanzt wird. Ich selbst habe den Donauwalzer schon als Kind mit meiner Großmutter in deren Küche getanzt, habe gesehen wie auf Parkplätzen Autotüren aufgerissen werden, damit man auch an abgelegenen Skiorten auf der Piste Pummerin und Donauwalzer hören kann. Meine Freundin Puppe und ich haben bei gemeinsamen außerösterreichischen Silvesterfesten das Pummeringepummere und den Dreivierteltakt sogar selbst nachgemacht, um das neue Jahr nicht unösterreichisch zu beginnen. Soviel Wahn muss sein.

Einmal wollte ich die Pummerin von ganz nah und live erleben. Ich feierte mit Freunden im Do&Co-Hotel im Wiener Haashaus, das sich direkt gegenüber dem Stephansdom befindet. Als wir um Mitternacht auf die Balkons eilten, erhob sich ein gigantisches Feuerwerk über den Platz und obwohl die „Stimme Österreichs” wenige hundert Meter Luftlinie entfernt ertönte, hörten wir sie nicht. Karl Schwarzenberg, der tschechische Außenminister, der direkt neben mir stand, prostete mir mit seinem Champagnerglas zu und murmelte: „Die Pummerin werden wir uns heut denken müssen.“ 

Eines haben Miss Sophie und die Pummerin doch gemeinsam: sie finden als nationales gemeinschaftliches Ereignis statt.„Dinner for One” gibt es heute, am 31. Dezember 2013, sogar als moderne Version mit  Annette Frier und Ralf Schmitz. Die Pummerin läutet sogar auf den Popsendern. Vielleicht ist es dieses Massenerlebnis, das manchen Silvester-Muffel gruseln lässt.

Eine Parallele gibt es noch zwischen „Dinner for One” und dem Wiener Glockengeläut mit anschließendem Donauwalzer: Es wird unweigerlich gestolpert. Die einen im Dreivierteltakt, die anderen über ein Tigerfell.

Meine Herrschaften #33

Ich gebe zu, dass man einiges gegen Vicky Leandros vorbringen kann. Dazu gehören die Lieder „Theo, wir fahren nach Łódź“ und das Celine Dion-Cover „Weil mein Herz Dich nicht vergisst“. Und doch überwiegen die Vorteile. „Ich liebe das Leben“ und ganz besonders das wundervolle „Aprés toi“ wären hier zu nennen.

Ganz besonders spricht für Vicky Leandros, dass sie eine offenherzige, mutige Frau ist, was ich persönlich vor zwei Jahren erlebt habe. Es war der Spätsommer 2011, der Tag an dem Papst Benedikt XVI. im Berliner Olympiastadion sprechen sollte. Eine fröhliche Gemeinde hatte sich im Restaurant Borchardt getroffen, um gemeinsam an diesem erzkatholischen Woodstock teilzunehmen.

Wir saßen fröhlich beieinander und stimmten uns mit Champagner darauf ein, gleich den Worten des einfachen Arbeiters im Weinberg des Herrn zu lauschen. Dann kam Vicky. Sie war sichtlich gut gelaunt, denn sie hatte für uns alle eine – wie sie meinte – großartige Sache organisiert. „Kinder, ich habe für uns alle Limousinen, damit fahren wir jetzt bequem ins Olympiastadion.“

Ich nehme ungern die Rolle des Spielverderbers ein, aber fühlte mich doch an meine Informationspflicht gebunden und sagte: „Verehrte Vicky, sie haben vermutlich kein Radio gehört – aber aufgrund des Verkehrsaufkommens und diverser Demonstrationen ist da kein Durchkommen, wir müssen Wohl oder Übel mit der S-Bahn fahren.“

Vicky sagte: „Was meinen sie mit S-Bahn-Fahren?“

Ich sagte: „Wir steigen ganz einfach drüben in der Friedrichstraße ein und am Olympiastadion wieder aus.“

Vicky sagte: „Was meinen sie mit S-Bahn-Fahren?“

Ich sagte: „Nun ja, es wird nicht möglich ein, mit den Limousinen zu fahren, also nehmen wir einfach die S5 und müssen nicht mal umsteigen.“

Vicky sagte: „Was meinen Sie mit S-Bahn-Fahren?“image

Es wurde ein großes Abenteuer. Die Runde schick frisierter Damen betrat offenbar zum ersten Mal im Leben ein öffentliches Verkehrsmittel und zeigte sich reichlich aufgeregt. Mit großen Augen verfolgten sie den Vorgang des Lösens von Fahrkarten und mit Skepsis betrat die Gruppe schließlich den Wagon einer Berliner S-Bahn. Dann ging es los, man hielt sich zögerlich an den Halteschlaufen fest. Ein Punkmädchen taxierte kichernd die ungewöhnlichen Passagiere. Dann klimperte Vicky mit den Wimpern und sagte: „Witzig ist das, was wir heute so alle erleben! Eigentlich sind die Leute hier alle ganz nett.“

Ohne Blessuren und Zwischenfälle erreichten wir den Bahnhof Olympiastadion.

Alle waren offensichtlich froh und erleichtert, das Abenteuer überstanden zu haben. Wie die Damen schließlich zu ihren Plätzen gelangten, weiß ich nicht, ich suchte nämlich vor dem Einzug des Heiligen Vaters noch das Klo auf, justament als eine Gruppe von Bischöfen und Kardinälen  dem Pissoir zustrebte. Plötzlich stand Bischof Mixa neben mir. Aber man muss ja nicht alles erzählen.

GQ Weihnachtslesung: mit Saralisa Volm

Meine Herrschaften #32

Die Geburtstagsfeierlichkeiten des türkischen Modedesigners am Strand von Antalya hatten sich über drei Tage erstreckt und waren höchst ausgelassen geraten. Die Festgesellschaft ist auf türkischen Tekne durch die levantinische See geschippert, hatte auf Initiative einer Istanbuler Millionärin auf einem improvisierten Laufsteg Fashion Show gespielt und am Ende war alles in eine wilde Champagnerparty mit Livekonzert in der größten Suite des Hillside Su gemündet.

Leider hatten wir unseren Rückflug via Istanbul viel zu früh auf den Morgen gelegt, und insofern beschlossen, erst gar nicht ins Bett zu gehen. Noch mit einem Champagnerglas in der Hand bestiegen wir den Shuttle zum Flughafen und torkelten schließlich den letzten Song des Abends summend in die Maschine. Ich saß in der vordersten Reihe, auf der einen Seite hatte Hubertus von Hohenlohe, der gerade noch mit seiner Band gesungen hatte, Platz genommen auf der anderen ein fröhlicher Türke (so dachte ich mir) mit Schnauzbart, der auf dem Fest für seinen Hang zu Polonaisen aufgefallen war.

Als die Maschine etwa zehn Minuten in der Luft war, fiel mir plötzlich mit Schrecken auf, dass ich bei der hektischen Abreise meinen Reisepass vergessen haben musste, der Weiterflug ab Istanbul also nicht möglich sein würde. Der Schnauzbarttürke (so dachte ich) neben mir verfolgte aufmerksam mein Suchen und Klagen, dann drehte er sich zu mir, legte seine Hand auf meine Schulter und sagte: „Tuans Eana nit owi, darf i mich vorstellen, Grüß Gott, i bin der Generalsekretär der Republik Österreich und ich erkläre sie hiermit zum Konsulatsfall.“image

Er beruhigte mich freundlich, nahm mich mit in das Stadtschloss voller Sisi-Gemälde und Kristalllüster, in dem sich einst schon österreichische Diplomaten die Donaumonarchie im Osmanischen Reich repräsentiert hatten, und ließ mir von seiner venezolanischen Ehefrau ein deftiges Frühstück mit Spezialitäten aus Tirol und Vorarlberg kredenzen. Dann konfrontierte mich der Generalkonsul mit der bitteren Wahrheit. „Sie miassn jetzt leider wieder noch nach Antalya zurück und dort eine Anzeige aufgeben, so isch leider das Gesetz.“ Dann zwirbelte Exzellenz seinen Türkenschnäuzer (so dachte ich), wiegte den Kopf hin und her und sagte: „Oder… wir schwindeln a bissale.“

Der Generalkonsul eröffnete mir seinen Plan. Ich müsse in eine Wachstube gehen, dort erzählen, dass ich leider champagnerselig am Vorabend meinen Reisepass am Strande des Bosporus verloren hätte und schon könne er mir ganz unbürokratisch ein Laissez-Passer ausstellen. Sollte ich allerdings auffliegen, habe er von alledem keine Ahnung gehabt. Als ich einwilligte hatte ich allerdings keine Vorstellung davon, dass Istanbuler Polizisten recht grobe und mit Maschinengewehren ausgestattete Kerle sind, die man nur ungern anlügt. Glücklicherweise hatte mir der Generalkonsul einen Dolmetscher an die Seite gestellt, der bestens für unseren Schwindel gebrieft war. Gespannt lauschte eine ganze Gruppe von Polizistenkerlen unseren Ausführungen und musterten dazwischen kritisch mein Gesicht. Offenbar war der Konulatsübersetzer ein Meister lebhafter Erzählkunst und schmückte die Geschichte offenbar mit mir unbekannten Detailsüber meine angebliche Istanbuler Champagnernacht aus. Denn zwischendurch lachten die Beamtenkerle laut und unanständig (so dachte ich), zeigten auf mich und riefen im Chor: „şampanya!“

In der Zwischenzeit verhandelten in der Wachstube auch noch ein LKW-Fahrer und die Eltern eines kleinen Jungen, der angeblich angefahren worden war. Glücklicherweise geriet diese Auseinandersetzung gerade etwas heftiger, als die Polizistenkerle anfingen kritische Nachfragen an mich zu stellen. Ich musste also bloß einen Wisch mit etwas auf Türkisch unterschreiben, bekam einen Stempel, und als wir endlich gingen, rief mir einer der Polizistenkerle noch lachend „şampanya!“ hinterher.

Vor dem Generalkonsulat wartete bereits der Generalkonsul mit dem Laissez-Passer und einem Fahrer, der mich zum Flughafen bringen sollte. Seine Kinder hatten sich zu Orgelpfeifen aufgestellt und winkten mir fröhlich nach. Ich war selten so glücklich, Österreicher zu sein.

Meine neoliberalen Freunde, die andauernd auf den überfürsorglichen Staat schimpfen, finden meine Zustimmung nicht. Sie wissen es nicht besser, sie haben noch nie in Antalya ihren Pass verloren.

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