GQ-Kolumnisten
David Baum

„Meine Herrschaften!“ – Unser Autor schreibt über Begegnungen, Affären und Karambolagen.

Meine Herrschaften #37

Es war die ungewöhnlichste Anreise meines Lebens. Ich wachte morgens daheim in Österreich auf, fuhr zum Münchener Flughafen, um von dort nach Genf zu starten, wo Michael Schumacher bereits mit dem Privatjet wartete. Von dort flogen wir zusammen nach Nizza, von wo uns schließlich ein Helikopter nach Monaco zu unserem Fotoshooting bringen sollte. Um elf Uhr Vormittag hatte ich also bereits  fünf Länder bereist.  

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Ich hatte Michael Schumacher noch nie getroffen, und mich auch nicht sonderlich für ihn interessiert. Autorennen bescherten mir Kopfschmerzen und ich hatte den Eindruck, dass stilistisch nach Jochen Rindt nicht mehr viel kommen könnte.

Nun saß ich also mit Schumi im Jet und der Zeitplan sah vor, dass wir mit unserem Interview beginnen. Dabei sollten wir auch darüber sprechen, dass es mit seinem Comeback gerade nicht so optimal lief. Er hatte Sonnenbrillen auf und schien nicht besonders motiviert, solcherlei zu besprechen. Hinter den dunklen Gläsern war nicht das geringste Mienenspiel auszumachen.

Also griff ich zu den letzten Mitteln – und versuchte ehrlich zu sein. Ich sagte: „Was Sie nicht wissen können, ist, dass ich mich weder für Sie noch für Ihre Erfolge je interessiert habe. Aber jetzt, da Sie Misserfolge einfahren, Sie kämpfen und aushalten müssen, dass man über sie schimpft, und irgendwie als strahlender Held gebrochen sind, finde ich sie sehr interessant.“

Im marmornen Schumachergesicht war immer noch keine Regung zu erkennen. Ich meine aber einen Anflug von Fassungslosigkeit ausgemacht zu haben. Dann nahm er die Brille ab und ich blickte in diese grünbraunen Schumacheraugen, die ich auf den Fotos stets für fotogeshoppt hielt. Dann sagte Michael Schumacher: „Sie sind ja lustig.“ Es wurde ein gutes Gespräch. 

Im Helikopter über der Côte d’Azur nickte Schumacher neben mir ein. Dabei schillerte das Meer unter uns in den herrlichsten Farben, während sich die abenteuerlichsten Wolkentürme darüber über den Himmel schoben. Ich rüttelte an Schumacher, der mich verdattert anschaute. „Was ist denn?“, fragte er. „Nun gucken Sie doch, wie wunderschön das ist“. Schumi schüttelte lächelnd den Kopf und schloss  die Augen. „Das ist es doch immer“, murmelte er und pennte wieder weg.

Es war klug von ihm, sich auszuruhen. Michel Comte, unser Fotograf, hatte einen unfassbar anstrengenden Shootingtag organisiert.  Schumacher musste dafür von fahrenden Booten springen, mit dem Motorrad durch Monte Carlo zischen und auf dem Platz vor dem Casino in einem Sportwagen posieren, was zu einem derartigen Tumult von Fans und Schaulustigen führte, dass die Polizei die Straßen absperrte. Am Abend fuhren wir mit einem Van zurück zum Flughafen. Schumi nickte neben mir wieder ein, er hatte seine Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen, sein Kopf neigte sich zur Seite und sank beinahe auf meiner Schulter. 

Er sah so friedlich aus. Ich dachte mir, dass dieser Schumacher ein sehr, sehr glücklicher Mensch sein muss. Wer so friedlich schläft, der ist mit sich im Reinen.

Meine Herrschaften #36

Man kann es sich unter den heutigen Umständen kaum vorstellen, aber vor nur wenigen Jahren konnte man die Russen noch richtig lieb haben. Nicht bloß weil Wladimir Putin gerne mal zum Austernessen bei seinem Kumpel Gerd Schröder in Schöneberg vorbeischaute, die Russendisko des Schriftstellers Wladimir Kaminer noch heiß und fetzig war und die Lehrer der Münchener Otto-Falckenberg-Schule bereits wussten, dass Ihr Schüler Vladimir Burlakov recht bald der beste Jungschauspieler Deutschlands sein würde. 

In Wahrheit liebten wir im Berlin der Nullerjahre die Russen so sehr, weil sie uns ein Botschafterpaar geschickt hatten, das dieser Stadt jenen Hauch an Glamour und Wahnsinn verlieh, zu der sie selbst nicht im Stande gewesen war.

Ich weiß noch, als ich Maria Koteneva zum ersten Mal auf einer Party von Wolfgang Joop erblickte. Wie ein Hollywoodstar stand sie auf der Wiese mit Blick auf das Marmorpalais und es schien, als würde der Glanz ihres Abendkleides weit über den Heiligensee schimmern. image

Die Kotenevs hatten Stalins Zuckerbäcker-Botschaft Unter den Linden für die Berliner Gesellschaft geöffnet. Die Bälle, die sie gaben, schäumten vor Prunk und Ausgelassenheit. Sie erzählten die wunderbarsten Märchen, aber vor allem jenes, dass dieses neue Russland ein modernes, irgendwie magisches Zarenreich sein muss. Es war ihnen gelungen, den abgestandenen Mythos von der deutsch-russischen Freundschaft mit Champagner aufzugießen und prickelnd erscheinen zu lassen. 

So tanzte Berlin voller Freude durch die glamourösen Räume der ehemaligen Sowjetbotschaft, erfreute sich an russischen Militärkapellen, die Swing spielten und dazu auch noch Can Can tanzen konnten. Man naschte da und dort an Kaviar, und ließ sich von eigens eingeflogenen Russenomas aus der Hand lesen. Schöne Schauspielerinnen, staunende Vorstandsvorsitzende, diplomatisches Corps, Modeschöpfer und der Prinz von Preußen standen nicht an, sich in die große Polonaise dieses russischen Staatszirkus einzureihen.

Man munkelte natürlich über die Nähe des Diplomatenpaares zu Putin und deren gemeinsame Vergangenheit in der DDR, wo der heutige Präsident den KGB geleitet und Kotenev als Botschaftssekretär gearbeitet hatte. Sensationsheischend wurde in der Berliner Society behauptet, Maria sei die mit den perfekteren Beziehungen in die russische Elite und alten Seilschaften. Doch all das machte die Kotenevs noch aufregender, noch unwiderstehlicher.

Eines Tages war ich beim Botschafter zum Tee geladen und erhielt eine ausgedehnte Führung durch die Botschaft. Es war ein prächtiges Gebäude, das die untergegangene Sowjetunion in ungekanntem Glanz erstrahlen ließ. Eine riesige Fensterwand zeigte den  Roten Platz als Mosaik von buntem Glas. Stolz verwies Exzellenz auf die funktionierende Uhr in einem der Türme, wo selbstverständlich die aktuelle Uhrzeit in Moskau angezeigt würde. Ein großer silbern schillernder Konferenzsaal versammelte die alten Wappen der Sowjetrepubliken. Als ich etwas erstaunt die vielen Hammer und Sichel betrachtete, zeigte der Botschafter auf die Wandlampen: „Erkennen Sie diese hier?“, fragte er. Ich stutzte und schüttelte verwundert den Kopf. „Die sind noch älter, die sind aus Hitlers Reichskanzlei, haben wir einfach umgedreht! Recycling !“, sagte der Botschafter und lachte laut. Auf der Freitreppe deutete er auf den roten Marmor des Bodens. „Und das ist der Marmor, den General Manstein seinem Führer für das Siegesdenkmal des Dritten Reichs auf dem Roten Platz geschenkt hat. Wie bekannt ist, wurde er  nicht gebraucht und wir haben  hier eine bessere Verwendung gefunden!“ Wieder lachte der Botschafter und ich lachte mit, seine Schwänke ließen die Geschichte des 20. Jahrhundert, die gerade im Zusammenprall von Deutschen und Russen so besonders grausam verlaufen war, regelrecht amüsant aussehen.

Dann saßen wir  beim Tee und irgendwie konnte ich es nicht lassen, unhöflicherweise nachzufragen, wie es um die lupenreinen Demokratie wirklich stünde und wieso viele russische Journalistenkollegen das anders sehen würden. Der Botschafter rührte in seinem Tee und erwiderte: „Wissen Sie, so lange ich jeden Tag in der russischen Presse lesen kann, wie schlecht es um die Pressefreiheit im Land bestellt sei, mache ich mir um diese keine Sorgen.“ Der Gag war gut, aber diesmal lachte Kotenev nicht mehr so schallend wie zuvor, vielmehr schmunzelte er, ich meine säuerlich.

Wir plauderten über dies und über das, bis mir einfiel, dass ich etwas mitgebracht hatte, das die Stimmung wieder heben könnte. In einer alten Kiste waren mir Fotos, die ich als Kind bei einem DDR-Besuch in den 80ern gemacht hatte, in die Hände gefallen. Da Kotenev damals bereits in Berlin gelebt hatte, hielt ich es für eine amüsante Idee, diese mitzubringen. Man sah das isolierte Brandenburger Tor im Niemandsland stehen, man sah das Hotel Unter Linden und das Lampenmeer im  Palast der Republik – alles aus der Perspektive eines Kindes aufgenommen. Der Botschafter betrachtete die Bilder versonnen. Bei der letzten Fotografie runzelte er allerdings ärgerlich die Stirn. Es zeigte die Wachablöse im Stechschritt vor der Neuen Wache. „Sie wissen, dass es verboten ist, die Wachablöse zu fotografieren“, blaffte er mich an. ich schluckte, dann sagte ich: „Das mag sein, Exzellenz. Aber wer soll mich dafür belangen?“ Der Botschafter stutzte und begann wieder schallend zu lachen. „Sie haben Recht, wer soll sie dafür belangen? Keiner mehr da!

Es war obwohl wir amüsiert auseinandergingen mein letzter Besuch bei den Kotenevs. Die Zeiten der glamourösen Partys und Bälle in den Botschaften waren eines Tages vorbei. Die schillernden und skandalverliebten Borers sind in die Schweiz bzw. nach Texas zurückgekehrt, der charmante Italiener Puri Purini ist abgetreten und inzwischen leider verstorben, und auch die Kotenevs mussten schon einigen Jahren ausziehen. 

In den Botschaften von Berlin geht es lange nicht mehr um Gästelisten, Mitternachtseinlagen oder Menüfolgen. Die Party ist vorbei.

Meine Herrschaften #35

Auf gar keinen Fall solle ich bei der Einreise nach Israel angeben, dass ich als Reporter gekommen war, hatte Sayah auf mich am Telefon eingeredet. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn jemand von unseren Plänen Wind bekäme. Ich verstand die ganze Aufregung nicht, schließlich wollten wir bloß eine Homestory machen, aber mein palästinensischer Kontaktmann, würde schon wissen, was zu tun ist.

Also behauptete ich auf dem Visa-Formular als „Party-Tourist“ gekommen zu sein und verlebte – da ich natürlich keine israelischen Behörden beschwindeln wollte – erst einmal ein paar fröhliche Tage und Nächte in Tel Avivs Partyszene. Mit Sayah war vereinbart, dass er sich wenn die Sache anläuft im Hotel melden würde. Es hatte etwas herrlich Verschwörerisches, als er plötzlich in der Halle des David Intercontinental stand und sich zu erkennen gab.

„Endlich sehen wir uns“, flüsterte der rundliche freundliche Araber mit dem lilageblümten Seidenhemd und umarmte mich herzlich, als wären wir alte Freunde. Dann rief er zur Eile, seine alten PLO-Kameraden würden schon auf uns warten. Wie bitte, was, PLO? Als ich eine Dreiviertelstunde später mit einer Runde bärtiger Palästinenser zusammensaß und bei süßem Tee die Vorgehensweise besprochen wurde, wie wir möglichst ohne Aufsehen in das Privathaus von Jassir Arafat nach Gaza kämen, wurde mir zum ersten Mal die eigene Courage etwas ungeheuer.

Sayah ist Fotograf von Beruf, hatte schon für Paris Match gearbeitet, und sich vor einigen Wochen bei uns in der Redaktion gemeldet und gefragt, ob man an einer Homestory bei den Arafats interessiert sei. Mein Chefredakteur war sehr interessiert. Und er fand dass ich als Österreicher der richtige Mann für den Job sei, schließlich hatte unser früherer jüdischer Bundeskanzler es fertig gebracht, als einziges westliches Land der PLO eine Botschaft in Wien einzurichten.

So saß ich also in jener Nacht in einem alten Citroen und tuckerte mit Sayah durch die Wüste Richtung Gaza. Irgendwann blieben wir stehen und ich musste israelischen Soldaten eine von Sayah ausgedachte Geschichte – irgendwas von arabischen Freunden, die ich in Österreich kennen gelernt hätte, und die nun in Gaza leben und heiraten würden – erzählen. Ich fand, dass ich wenig überzeugend klang und schielte beunruhigt zu den Maschinengewehren ringsum. Aber flugs bekam ich meinen Pass zurück und wir durften in einer Art Niemandslandtaxi weiterfahren. Den alten Citroen ließen wir stehen. Am Wachposten der Palästinenser wiederholte sich das Spiel und wieder wurde mit Maschinenpistolen herumgefuchtelt, aber Sayah kürzte die Vorführung mit ein paar zackigen arabischen Worten ab und wir trudelten schließlich müde aber erleichtert in der Stadt Gaza ein.

Die sah auf den ersten Blick so ganz anders aus, als erwartet. Wir fuhren eine mehrspurige Straße entlang, in deren Mitte jemand Blumen und getrimmte Büsche gepflanzt hatte. Waren das etwa Geranien und  Buchsbäumchen?

„Suha Arafat liebt Paris“, sagte Sayah kundig. „Und jetzt haben wir unsere eignen kleinen Champs Elysee!“ Doch die Idylle sollte nicht lange währen. Bald stießen wir auf aufgebrachte Menschen, die durch die Straßen zogen und Parolen brüllten.

Ich blickte fragend zu Sayah. „Das ist nichts“, versuchte er mich zu beruhigen. Ein Offizier aus Arafats Armee hätte einen sechsjährigen Jungen vergewaltigt und ermordet. Arafat zögere nun dummerweise damit, den Mann erschießen zu lassen. Das käme im Ausland nicht gut an, das Volk aber fordere eine flotte Exekution.

„Ich finde ehrlich gesagt nicht, dass das nichts ist“, sagte ich zu Sayah, der aber nur mit den Schultern zuckte und mich im Hotel ablieferte und sich erst am kommenden Morgen wieder meldete.

Das Haus der Arafats war schmal und unscheinbar, man konnte nur an den vielen Sicherheitskräften mit ihren schweren Gewehren erkennen, dass jemand Bedeutsamer hier wohnen musste. Suha Arafat und ihre Mutter Raymonda Tawil standen winkend am Eingang. Die blonde Gattin des Palästinenserführers hatte sich in ein Thierry Mugler-Kleid geworfen. „Ich habe es bereits bei einer Audienz des Heiligen Vaters getragen“, sagte sie. Ich müsse wissen, dass die Tawils eigentlich ägyptische Christen seien, erklärte die Mutter. Aber an der Seite des Präsidenten habe Suha natürlich konvertieren müssen. Suha zeigte indessen auf ein Bild an der Wand, das sie genau mit dem Kostüm, einem schwarzen Spitzenschleier und Johannes Paul II. zeigte. Ich musste schmunzeln, denn die Wände entsprachen einem Klischee, das man gegenüber arabischen Wohnräumen hegt. Keines der unzähligen Bilder, auch nicht das riesige berühmte Ölporträt Jassir Arafats, schien im rechten Winkel zu irgendeinem anderen Bild zu hängen.

Während Sayah begann, Frau Arafat in diversen Kostümen zu fotografieren, fing ein Diener mit auffallend weißen Zähne an, den Esstisch mit den unterschiedlichsten Speisen vollzuräumen. Man hätte tatsächlich ein ganzes Hochzeitsbankett damit versorgen können.

Wir speisten also in den Nachmittag hinein und Frau Arafat diktierte mir ihre Liebesgeschichte mit dem viel älteren Palästinenserführer in den Block, ihr Leben zwischen Gaza und Paris und natürlich diverse Geschichten, wie scheußlich die Israeli sich gegenüber den Palästinenser verhielten. Frau Tawil hatte die ganze Zeit ruhig da gesessen, und fragte dann völlig unvermittelt und auf Deutsch: „Kannten Sie eigentlich ihren großen Bundeskanzler Kreisky?“

Ich stutzte, ich hatte Kreisky natürlich nicht kennen gelernt, als er abdankte war ich noch zur Volksschule gegangen. „Er war ein wundervoller und sehr warmherziger Mann“, schwärmte Frau Tawil und ersparte einem die Rückfrage. „Wir kannten uns sehr gut und er fehlt mir und der ganzen Welt sehr.“ Ich betrachtete die glänzenden Augen Frau Tawils und fragte mich, ob die politisch höchst umstrittene Anerkennung Palästinas durch Kreisky vielleicht noch einen persönlichen, möglicherweise gar romantischen Hintergrund gehabt haben könnte. Kreisky war als Weiberheld bekannt und Frau Tawil war besonders in jungen Jahren ganz sicher eine atemberaubende Frau gewesen . Frau Arafat betrachtete mich von der Seite, schien in meinem Gesicht zu lesen und erklärte das Mittagessen kurzerhand für beendet.

Draußen vor der Tür hatte sich ein Troß an schwer bewaffneten Securitys versammelt, auch Colonel Falima Bernaoui, die farbige Polizeichefin des Autonomiegebiets, war gekommen, um uns zu begleiten. Also besichtigten wir die Stadt, eine Schule, das erste Internetcafé, der Botschafter Ägyptens empfing zu Tee – was so ein Autonomiegebiet eben an Sehenswürdigkeiten herzugeben vermag. Nur auf dem Rückweg wurden die Securities etwas hektisch, als sich eine verschleierte Frau aus der Menge löst und auf Suha zustürzt, energisch auf sie einredet und ihr dabei fast das Hermes-Tuch vom Hals riss. „Das ist eine Hamas-Frau“, sagt Frau Tawil zu mir. „Ihre Mutter möchte nach Mekka haddschen, aber sie bekommt keine Reisegenehmigung. Das sind die Alltagsprobleme hier.“

Am nächsten Morgen saß Frau Arafat auf der Terrasse des Präsidentenpalastes, der noch nicht ganz fertig war. Eigentlich hätten wir hier ihren Mann treffen sollen, aber der musste sich wergen politischer Entwicklungen entschuldigen lassen. Also saßen wir in der Sonne und betrachteten die merkwürdiges Szenerie: Frau Arafat, wie sie in ihrem türkisen Kostüm vor Unterlagen sitzt, während die kleine Tochter Zahwa in einem von Michael Schumacher handsignierten Ferrari-Tretauto ihre Runden dreht. Im Hintergrund wieder schwer bewaffnete Soldaten, die ihre Maschinengewehre schussbereit hielten.

„Eine Reisegenehmigung für eine Pilgerfahrt, das bekomme ich hin“, sagte Suha Arafat über den Papieren. „Aber das hier, da kann ich mich nun wirklich nicht einmischen.“

„Worum geht es denn?“, frage ich.

Sie stöhnte leise.

„Ach, Amnesty international und alle möglichen Organisationen schreiben mir und fordern ich auf etwas zu unternehmen…“ Es ginge um jene Exekution, aber sie könne da auch nichts machen und ihr Mann auch nicht. „Würde er anders entscheiden, dann brennt doch hier die Stadt“, sagte sie.

Dann mussten wir aufbrechen. Zum Abschied überreichte mir Frau Arafat eine mit rotem Samt bezogene Schatulle, in der ein silberschillernder Teller eingebettet lag. Es ist eine zierreiche Perlmuttschnitzerei der Geburtsszene Jesu Christi.

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Als Sayah und ich Gaza verließen, herrschte wieder Aufruhr in den Straßen. „Die Leute sind immer noch sehr aufgebracht“, sage ich.„Nein, alles ist gut.“, sagt Sayah. „Sie feiern! Der Präsident hat den Mann erschießen lassen.“

Die Beamtin des Flughafens Tel Aviv hat mich lange mit ihren dunklen Augen gemustert, dann schaute sie wieder lange in meinen Reisepass. Dann sagte sie, ich solle mitkommen. In einem kahlen Nebenzimmer kamen nun mehrere Beamten und befragten mich, was ich die vergangenen Tage so alles unternommen hätte. Ich war Soldaten mit Maschinengewehren in der Wüste gewöhnt und erzählte souverän meine Story. Gerade als ich bildreich von meinen Ausflügen in die Tel Aviver Clubs erzählte, hielt mir einer der Männer, der meinen Koffer durchstöbert hatte, der Perlmuttteller unter die Nase. Auf der Rückseite war ein kleines Kärtchen montiert, das ich nicht gesehen hatte, auf dem zu lesen war: „For our friend David, with best regards: Jassir and Suha Arafat“.

Das war nicht gut. Die Entdeckung führte dazu, dass ich einen späteren Flug nehmen  und ich schließlich gestehen musste, um das mühsame Journalistenvisum zu umgehen, geschwindelt hatte. Die israelischen Beamten blieben dafür verhältnismäßig freundlich, die junge Frau mit den großen dunklen Augen konnte allerdings nicht glauben, dass wirklich jemand nach Gaza gereist war, um die Möbel der Arafats zu fotografieren. Ein paar Stunden später konnte ich doch fliegen.

Wie mir Sayah einige Wochen später am Telefon erzählte, sei Frau Arafat leider nicht sehr glücklich über die Geschichte gewesen, und auch er verstehe nicht, wieso unbedingt die Sache mit der Exekution im Text erwähnt werden musste. „Es war eine Homestory, was hat denn Politik in einer Homestory verloren“, beklagte er.

Suha Arafat und Zahwa leben heute auf Malta, nachdem man sie aus Gaza, Paris und schließlich Tunesien verjagt hatte. Die Perlmuttschnitzerei mit der Geburtsszene Jesu besitze ich bis heute. Sie ist eine Attraktion auf den diversen Krippenausstellungen des Salzburger Lands. 

Meine Herrschaften #34

Laut Karl Kraus (manche behaupten auch es wäre Karl Farkas gewesen) ist es die gemeinsame Sprache, die Österreicher und Deutsche voneinander unterscheidet. Außerdem heißt es, dass wenn Deutsche eine Lage als „ernst aber nicht aussichtslos“ ansehen, die Österreicher den Satz eher umgekehrt kennen: „Die Lage ist aussichtslos aber nicht ernst“. 

Wunderbare Bonmots – und doch musste ich erst einige Jahre im norddeutschen Exil zubringen, bis mir klar geworden war, woran sich die Mentalitäten wirklich scheiden. Es ist die höchst verschiedene Weise, wie die beiden deutschsprachigen Länder den Jahreswechsel begehen. Mal davon abgesehen, dass überall gesoffen wird und Fondue sich ohnehin über alle Völkergrenzen hinweg durchgesetzt hat: Es sind die Rituale, die geschaffen wurden, nachdem der gemeinsame Programmpunkt, am 31. Dezember der Ansprache eines Dr. Joseph Goebbels zu lauschen, aus bekannten Gründen ersatzlos entfallen war.

Passend zum provisorischen Charakter der frühen Bundesrepublik wurde ein Slapstick-Sketch einer englischen Wandertheatertruppe zum Silvesterritual der Deutschen: „Dinner for One”. Man lacht gemeinsam über ein paradoxes Ancien Régime, eine überkommene Gesellschaft und ihre Normen –  freilich nicht über die eigenen.

Als Kind empfand ich aufrichtiges Mitleid mit den Piefkes, weil sie jedes Jahr mit dem Schauspiel eines unzulänglichen Bediensteten und einer senilen Gastgeberin zubringen mussten. In meinen Hamburger Jahren lernte ich dann den legendären Kameramann kennen, der den Slapstick für den NDR nach dem Krieg gefilmt hatte. Gerne  lauschte ich den  Geschichten, wie das legendäre Filmchen entstanden und zur Tradition von Generationen aufgestiegen war.

Die Österreicher kehrten indessen zu einer Tradition zurück, die es in dieser Form gar nicht gegeben hatte, aber irgendwie den Schall aus vermeintlich besseren Zeiten hören ließ. Also lauschen wir um Mitternacht der Pummerin, einer Art Nationalglocke, die 1951 aus den Überresten der alten kaiserlichen Stephansglocke gegossen wurde. Das Material stammte noch aus osmanischen Waffen der Zweiten Türkenbelagerung. Geweiht ist die Pummerin der heiligen Maria Mutter Gottes, der „Königin Österreichs” wie die Inschrift verkündet. Gut, dass die hocharistokratische Miss Sophie stumm ist, und sich über diese Konkurrenz erst gar nicht äußern muss.

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Die Pummerin hängt im kleinen Nordturm des Wiener Stephansdomes und ihr Geläut wird auf allen Kanälen um Mitternacht übertragen. In ihre dunklen Klänge mischen sich nach und nach die ersten Takte des Donauwalzers, der von fast allen sieben Millionen Ösis getanzt wird. Ich selbst habe den Donauwalzer schon als Kind mit meiner Großmutter in deren Küche getanzt, habe gesehen wie auf Parkplätzen Autotüren aufgerissen werden, damit man auch an abgelegenen Skiorten auf der Piste Pummerin und Donauwalzer hören kann. Meine Freundin Puppe und ich haben bei gemeinsamen außerösterreichischen Silvesterfesten das Pummeringepummere und den Dreivierteltakt sogar selbst nachgemacht, um das neue Jahr nicht unösterreichisch zu beginnen. Soviel Wahn muss sein.

Einmal wollte ich die Pummerin von ganz nah und live erleben. Ich feierte mit Freunden im Do&Co-Hotel im Wiener Haashaus, das sich direkt gegenüber dem Stephansdom befindet. Als wir um Mitternacht auf die Balkons eilten, erhob sich ein gigantisches Feuerwerk über den Platz und obwohl die „Stimme Österreichs” wenige hundert Meter Luftlinie entfernt ertönte, hörten wir sie nicht. Karl Schwarzenberg, der tschechische Außenminister, der direkt neben mir stand, prostete mir mit seinem Champagnerglas zu und murmelte: „Die Pummerin werden wir uns heut denken müssen.“ 

Eines haben Miss Sophie und die Pummerin doch gemeinsam: sie finden als nationales gemeinschaftliches Ereignis statt.„Dinner for One” gibt es heute, am 31. Dezember 2013, sogar als moderne Version mit  Annette Frier und Ralf Schmitz. Die Pummerin läutet sogar auf den Popsendern. Vielleicht ist es dieses Massenerlebnis, das manchen Silvester-Muffel gruseln lässt.

Eine Parallele gibt es noch zwischen „Dinner for One” und dem Wiener Glockengeläut mit anschließendem Donauwalzer: Es wird unweigerlich gestolpert. Die einen im Dreivierteltakt, die anderen über ein Tigerfell.

Meine Herrschaften #33

Ich gebe zu, dass man einiges gegen Vicky Leandros vorbringen kann. Dazu gehören die Lieder „Theo, wir fahren nach Łódź“ und das Celine Dion-Cover „Weil mein Herz Dich nicht vergisst“. Und doch überwiegen die Vorteile. „Ich liebe das Leben“ und ganz besonders das wundervolle „Aprés toi“ wären hier zu nennen.

Ganz besonders spricht für Vicky Leandros, dass sie eine offenherzige, mutige Frau ist, was ich persönlich vor zwei Jahren erlebt habe. Es war der Spätsommer 2011, der Tag an dem Papst Benedikt XVI. im Berliner Olympiastadion sprechen sollte. Eine fröhliche Gemeinde hatte sich im Restaurant Borchardt getroffen, um gemeinsam an diesem erzkatholischen Woodstock teilzunehmen.

Wir saßen fröhlich beieinander und stimmten uns mit Champagner darauf ein, gleich den Worten des einfachen Arbeiters im Weinberg des Herrn zu lauschen. Dann kam Vicky. Sie war sichtlich gut gelaunt, denn sie hatte für uns alle eine – wie sie meinte – großartige Sache organisiert. „Kinder, ich habe für uns alle Limousinen, damit fahren wir jetzt bequem ins Olympiastadion.“

Ich nehme ungern die Rolle des Spielverderbers ein, aber fühlte mich doch an meine Informationspflicht gebunden und sagte: „Verehrte Vicky, sie haben vermutlich kein Radio gehört – aber aufgrund des Verkehrsaufkommens und diverser Demonstrationen ist da kein Durchkommen, wir müssen Wohl oder Übel mit der S-Bahn fahren.“

Vicky sagte: „Was meinen sie mit S-Bahn-Fahren?“

Ich sagte: „Wir steigen ganz einfach drüben in der Friedrichstraße ein und am Olympiastadion wieder aus.“

Vicky sagte: „Was meinen sie mit S-Bahn-Fahren?“

Ich sagte: „Nun ja, es wird nicht möglich ein, mit den Limousinen zu fahren, also nehmen wir einfach die S5 und müssen nicht mal umsteigen.“

Vicky sagte: „Was meinen Sie mit S-Bahn-Fahren?“image

Es wurde ein großes Abenteuer. Die Runde schick frisierter Damen betrat offenbar zum ersten Mal im Leben ein öffentliches Verkehrsmittel und zeigte sich reichlich aufgeregt. Mit großen Augen verfolgten sie den Vorgang des Lösens von Fahrkarten und mit Skepsis betrat die Gruppe schließlich den Wagon einer Berliner S-Bahn. Dann ging es los, man hielt sich zögerlich an den Halteschlaufen fest. Ein Punkmädchen taxierte kichernd die ungewöhnlichen Passagiere. Dann klimperte Vicky mit den Wimpern und sagte: „Witzig ist das, was wir heute so alle erleben! Eigentlich sind die Leute hier alle ganz nett.“

Ohne Blessuren und Zwischenfälle erreichten wir den Bahnhof Olympiastadion.

Alle waren offensichtlich froh und erleichtert, das Abenteuer überstanden zu haben. Wie die Damen schließlich zu ihren Plätzen gelangten, weiß ich nicht, ich suchte nämlich vor dem Einzug des Heiligen Vaters noch das Klo auf, justament als eine Gruppe von Bischöfen und Kardinälen  dem Pissoir zustrebte. Plötzlich stand Bischof Mixa neben mir. Aber man muss ja nicht alles erzählen.

GQ Weihnachtslesung: mit Saralisa Volm

Meine Herrschaften #32

Die Geburtstagsfeierlichkeiten des türkischen Modedesigners am Strand von Antalya hatten sich über drei Tage erstreckt und waren höchst ausgelassen geraten. Die Festgesellschaft ist auf türkischen Tekne durch die levantinische See geschippert, hatte auf Initiative einer Istanbuler Millionärin auf einem improvisierten Laufsteg Fashion Show gespielt und am Ende war alles in eine wilde Champagnerparty mit Livekonzert in der größten Suite des Hillside Su gemündet.

Leider hatten wir unseren Rückflug via Istanbul viel zu früh auf den Morgen gelegt, und insofern beschlossen, erst gar nicht ins Bett zu gehen. Noch mit einem Champagnerglas in der Hand bestiegen wir den Shuttle zum Flughafen und torkelten schließlich den letzten Song des Abends summend in die Maschine. Ich saß in der vordersten Reihe, auf der einen Seite hatte Hubertus von Hohenlohe, der gerade noch mit seiner Band gesungen hatte, Platz genommen auf der anderen ein fröhlicher Türke (so dachte ich mir) mit Schnauzbart, der auf dem Fest für seinen Hang zu Polonaisen aufgefallen war.

Als die Maschine etwa zehn Minuten in der Luft war, fiel mir plötzlich mit Schrecken auf, dass ich bei der hektischen Abreise meinen Reisepass vergessen haben musste, der Weiterflug ab Istanbul also nicht möglich sein würde. Der Schnauzbarttürke (so dachte ich) neben mir verfolgte aufmerksam mein Suchen und Klagen, dann drehte er sich zu mir, legte seine Hand auf meine Schulter und sagte: „Tuans Eana nit owi, darf i mich vorstellen, Grüß Gott, i bin der Generalsekretär der Republik Österreich und ich erkläre sie hiermit zum Konsulatsfall.“image

Er beruhigte mich freundlich, nahm mich mit in das Stadtschloss voller Sisi-Gemälde und Kristalllüster, in dem sich einst schon österreichische Diplomaten die Donaumonarchie im Osmanischen Reich repräsentiert hatten, und ließ mir von seiner venezolanischen Ehefrau ein deftiges Frühstück mit Spezialitäten aus Tirol und Vorarlberg kredenzen. Dann konfrontierte mich der Generalkonsul mit der bitteren Wahrheit. „Sie miassn jetzt leider wieder noch nach Antalya zurück und dort eine Anzeige aufgeben, so isch leider das Gesetz.“ Dann zwirbelte Exzellenz seinen Türkenschnäuzer (so dachte ich), wiegte den Kopf hin und her und sagte: „Oder… wir schwindeln a bissale.“

Der Generalkonsul eröffnete mir seinen Plan. Ich müsse in eine Wachstube gehen, dort erzählen, dass ich leider champagnerselig am Vorabend meinen Reisepass am Strande des Bosporus verloren hätte und schon könne er mir ganz unbürokratisch ein Laissez-Passer ausstellen. Sollte ich allerdings auffliegen, habe er von alledem keine Ahnung gehabt. Als ich einwilligte hatte ich allerdings keine Vorstellung davon, dass Istanbuler Polizisten recht grobe und mit Maschinengewehren ausgestattete Kerle sind, die man nur ungern anlügt. Glücklicherweise hatte mir der Generalkonsul einen Dolmetscher an die Seite gestellt, der bestens für unseren Schwindel gebrieft war. Gespannt lauschte eine ganze Gruppe von Polizistenkerlen unseren Ausführungen und musterten dazwischen kritisch mein Gesicht. Offenbar war der Konulatsübersetzer ein Meister lebhafter Erzählkunst und schmückte die Geschichte offenbar mit mir unbekannten Detailsüber meine angebliche Istanbuler Champagnernacht aus. Denn zwischendurch lachten die Beamtenkerle laut und unanständig (so dachte ich), zeigten auf mich und riefen im Chor: „şampanya!“

In der Zwischenzeit verhandelten in der Wachstube auch noch ein LKW-Fahrer und die Eltern eines kleinen Jungen, der angeblich angefahren worden war. Glücklicherweise geriet diese Auseinandersetzung gerade etwas heftiger, als die Polizistenkerle anfingen kritische Nachfragen an mich zu stellen. Ich musste also bloß einen Wisch mit etwas auf Türkisch unterschreiben, bekam einen Stempel, und als wir endlich gingen, rief mir einer der Polizistenkerle noch lachend „şampanya!“ hinterher.

Vor dem Generalkonsulat wartete bereits der Generalkonsul mit dem Laissez-Passer und einem Fahrer, der mich zum Flughafen bringen sollte. Seine Kinder hatten sich zu Orgelpfeifen aufgestellt und winkten mir fröhlich nach. Ich war selten so glücklich, Österreicher zu sein.

Meine neoliberalen Freunde, die andauernd auf den überfürsorglichen Staat schimpfen, finden meine Zustimmung nicht. Sie wissen es nicht besser, sie haben noch nie in Antalya ihren Pass verloren.

Meine Herrschaften #31

Als ich 18 war und mich noch für einen zukünftigen Burgschauspieler hielt, beschloss ich, den Faust aufzuführen. Mein Freund Grünbart, der heute als recht erfolgreicher Arzt in Berlin lebt, spielte damals die Titelrolle und vertonte zudem Gretchens „Meine Ruh ist hin“ als herzzerreißende Schnulze. Ich selbst spielte selbstverständlich Mephistopheles und da ich damals Anhänger des Method Acting war, spazierte ich wochenlang mit einem sehr hohen Absatz herum, um  schließlich auf der Bühne naturgetreu zu humpeln. Es dauerte ewig, bis ich wieder normal gehen konnte.

Seitdem verspüre so etwas wie Entzugserscheinungen, wenn irgendwo ein Faust aufgeführt wird und ich ihn noch nicht gesehen habe. Edgar Selge und Joachim Meyerhoff waren großartig am Hamburger Schauspielhaus, Tobias Moretti und Gert Voss an der Wiener Burg sind eher gescheitert.  Aber der allerwunderbarste Faust ist jener von Regisseur Michael Thalheimer am Deutschen Theater Berlin mit Ingo Hülsmann und Sven Lehmann in den Hauptrollen. Wenn in dieser sachlichen, alles Metaphysische unterschlagenden Inszenierung Faust zu Deep Purple „Child in Time“ Luftgitarre spielt, dann möchte man auf die Bühne springen. Und wenn das geschändete Gretchen verreckt, dann möchte man schluchzen und tut es auch. Leider ist Sven Lehmann im vergangenen Jahr plötzlich und unfassbar zu jung gestorben, weshalb dieser Faust nun Theatergeschichte ist.

Einmal bin ich nach einer Aufführung mit Sven Lehmann in der Kantine des DT gesessen, wir tranken Wein und redeten. Hülsmann saß mit einigen Kollegen ein paar Tische weiter und verhielt sich merkwürdig. Ich versuchte es zu ignorieren, doch Hülsmann agierte und rezitierte und spielte auf, als gelte es, etwas zu gewinnen. es schien beinahe so, als würde er meine Aufmerksamkeit erwecken wollen, und ich könnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, weshalb.

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Der Abend wurde später und Hülsmanns Selbstinszenierung immer irrer. Lehmann schien sich indessen prächtig zu amüsieren. Das machte mich skeptisch und ich fragte, was das alles solle. Lehmann kicherte. „Ach weißt Du, ich habe ihm erzählt, Du seist der Feuilletonchef des Neuen Deutschland und würdest eine ganze Seite Porträt  über mich schreiben“, sagt er und schaute nun so diabolisch drein, wie im ganzen Faust nicht. „Das macht ihn rasend vor Eifersucht und nun versucht er Dir zu imponieren, damit Du über ihn auch schreibst.“

Offenbar hatte der Mann das Faust-Zitat „Denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen” ein bisschen zu wörtlich genommen.  

Sollte der echte Feuilletonchef des Neuen Deutschland diese Zeilen zufällig lesen: Schreiben Sie über Hülsmann, er hat es sich verdient. 

Meine Herrschaften #30

Dann stehst du unter dieser größten, höchsten, überhaupt gigantischsten Fahne der Welt, 162 Meter hoch, 220 Tonnen schwer, allein das Banner misst einen ganzen Morgen  – und du fühlst dich so, wie die Leute, die sie aufgestellt haben, beabsichtigten, dass du dich fühlst: winzig.

Wie ein Echo von Donner klingt es, wenn der Seewind vom Kaspischen Meer in das Flaggentuch mit den Farben Aserbaidschans peitscht.

Baku war für diese Woche im Juni 2012 mächtig herausgeputzt worden. Der autokratisch regierende Əliyev-Clan hatte beschlossen, sich und seinen Ölstaat dem Rest Großeuropas anlässlich des Eurovision Song Contest in neuem Glanz und ungekannter Mondänität zu präsentieren. Was ihm tatsächlich nicht schlecht gelungen ist:  die Hauptstadt Baku wurde als Metropole an den Bruchlinien des Kontinents praktisch neu erschaffen. Zwischen den antiken Minaretten, den Palais der Gründerzeit und den Bauten der Zuckerbäckerei Stalin ragten auf einmal Kolosse zeitgenössischer Architektur in den Himmel, darunter die drei futuristischen Alov Qüllələri, scheinbar tanzende, ständig neu und  bunte illuminierte Türme - wie man es aus den Emiraten und China kennt, bloß mit Geschmack.

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Die Tage flogen dahin, wir zogen von einer Party zur anderen. Philipp Plein eröffnete einen Flagshipstore für reiche, aufgespritzte Aserbaidschanerinnen, auf Dachterrassenrestaurants wurde in Augenhöhe der Flammentürme Champagner aus natürlich sehr großen Flaschen in den Nachthimmel gespritzt – kam König Nebukadnezar nicht sogar aus der Gegend? Dazwischen besuchten wir – so der Auftrag der Wochenzeitung, die uns geschickt hatte ­–­ ein paar Auftritte des irgendwie  begabten Gitarrenjungen, der Deutschland beim Sängerstreit vertreten sollte. Kurzum: es war herrlich.

Aber auch schnell langweilig. Wir waren schließlich nicht zum Vergnügen hier. Zum wiederholten Male liefen Frank, der Fotograf, und ich durch das überdimensionierte Eurovision Center direkt neben der Riesen-Flagge, wo die Journalisten aus aller Welt lagerten und ihre belanglosen Liveschalten in ihre Länder probten. Ich setzte mich schließlich in die Nähe der Delegation des Österreichischen Rundfunks und lauschte, wie diese über ihre eigenen Kandidaten herzogen. Dann machte einer von ihnen einen abscheulichen Witz, er habe zum ersten Mal etwas Respekt vor einem Eurovision Song Contest, „weil schließlich endlich wia bei ana urdantlichen Fuaßboi-WM oder ana Olympiade a paar Wohnblöcke gschliffen worden san“, sagte der Fernsehmensch und lachte.

Doch hatte er nicht recht, war da nicht was? Journalistische Ehre führt man bei einem solchen Termin höchstens im Seitentäschchen seines Necessaire mit sich, aber nun setzte ich mich doch für den Rest des Nachmittags an den Computer und googelte alles, was über die Gerüchte, dass Menschen wegen der Schlager-Veranstaltung ihre Unterkunft verloren hätten, zu finden war. Noch am selben Nachmittag begann der Internetanschluss in meinem Hotelzimmer sehr viel langsamer zu funktionieren.

Nach einigem Hin und Her hatte ich eine Frau Dr. Yunus in der Leitung. Die Dame stand  der Protestbewegung der etwa 20.000 Bewohner von Baku, die wegen der Umbauten über Nacht und ohne angemessene Entschädigung ihre Wohnungen verloren hatten, vor. Sie war zornig, ganz besonders über das Desinteresse der angereisten Weltpresse und deren Vorliebe für Appeasement, Schlager und Champagner. Bald hatten wir  gemeinsam die Idee, mit einigen der Opfer das Halbfinale des Song Contest zu schauen und damit den Zynismus dieses Spektakels zu verdeutlichen. Es war übrigens das letzte Telefonat, das ich aus dem Hotel führen konnte, ohne dass die Verbindung seltsam dumpf erschien und es merkwürdig knackte.

Ein hechelnder, gebeugter Mann kam uns auf der Straße nachgelaufen, er hinkte und grinste breit, sodass man durch all seine Zahnlücken sehen konnte. Wir dachten erst, er wäre ein grotesk aufdringlicher Bettler, doch es stellte sich heraus, das er von Frau Dr. Yunus entsandt worden war, um uns in den Hinterhof des Hauses, in dem sie lebte, seitdem man auch ihre Wohnung geschliffen hatte, zu führen. Eine höfliche Person servierte süßen Tee und bald kamen auch die so genannten Eurovision-Opfer: Shirinbaji Rzayeva, deren Sohn im Gefängnis saß, und die für ihr zwangsenteignetes Haus mit einem lächerlichen Betrag entschädigt wurde, der gerade mal für die Umzugskosten reichte. Ihr anderer Sohn, Alirza Mukhtar, ein Musiker und Komponist. Die Abrisstrupps waren in einer Nacht im April des Jahres gekommen, seine schwangere Frau hatte durch den Schock ihr Baby verloren. Sein ehemaliger Musikstudent Islam Shikhali, der seinen Lehrer nicht mehr besuchen konnte, weil es das Studio nicht mehr gab. Larisa Mammadli, die ihr Obdach mit drei Kindern, drei Enkel und drei Nichten verlor und der obendrein das Kindergeld für die teils behinderten Kinder nicht mehr ausbezahlt wurde, weil sie ja schließlich  keine Adresse mehr angeben konnte, wohin man das Geld hätte anweisen können. Parviz Amiraliyev, der ehemalige Soldat, der nun in seinem Auto leben musste, und selbst dort von Schergen des Regimes angegriffen wurde.

Frank machte eindrucksvolle Bilder, ich schrieb jedes Detail auf, dann gingen wir heim. Erschüttert aber vollen guten Mutes, der westlichen Welt berichten zu können, was hier letztendlich auch mit dem Segen ihrer nationalen Fernsehstation geschah, brachen wir auf.

„Weißt Du“, flüsterte Frank auf der breiten Chaussee im Teil der eher umrenovierten Altstadt Bakus, in der wir uns befanden. „Wenn wir jetzt stehen bleiben und in diese Auslage schauen und die Typen hinter uns  das ebenfalls tun, dann werden wir wohl verfolgt.“

Wir blieben stehen und die Herren hinter uns blieben auch stehen, wir gingen weiter und sie gingen auch weiter. Dies wiederholten wir noch einige Male bis wir uns sicher waren, dass wir dringend in das nächstbeste Taxi springen sollte und eilig zur deutschen Botschaft fahren sollten. 

Dort begann gerade die deutsche Eurovision-Party, es wurden Nürnberger Bratwürstchen gegrillt und der Botschafter saß an einem Elektropiano auf den Treppen und begleitete den sicherlich sehr begabten Gitarrenjungen bei seinem Lied. 

Exzellenz kratzte sich, als er unsere Geschichte gehört hatte, hektisch am Hinterkopf. Offiziell könne er natürlich nichts dazu, aber insgesamt würde er doch eher raten, weil man wisse ja nie ob man nicht plötzlich Drogen in unserem Gepäck, das wäre nämlich der gängige, wir würden hoffentlich verstehen, dass wir besser früher als später….

Als wir ins Hotel zurückkehrten, trafen Frank und ich jeweils einen so genannten Telefontechniker in unserem Zimmer an. Trotzdem und vielleicht gerade deshalb funktionierten  weder Internet noch Telefonleitung danach. Nur das Handy funktionierte. Doktor Yunus war dran und sagte, wir müssten  unseren Text dringend veröffentlichen, die Lage sei  prekär, der Milli Təhlükəsizlik Nazirliy, der Geheimdienst des Landes, habe unsere Fernsehrunde abgehört, fast alle Teilnehmer seien verhaftet worden. Ein nächster Anruf folgte aus Berlin, der Botschafter habe inzwischen die Redaktion verständigt, dass man vielleicht doch besser unter Umständen eher heute als morgen…. 

Gegen zwei Uhr morgens, so hatten wir es schließlich mit Berlin vereinbart, checkten wir unangekündigt aus. Der Concierge war  überrascht, wurde nervös und brauchte ewig für seine Abrechnung. Dazwischen telefonierte er hektisch. Tatsächlich füllte sich die Lobby rasant mit Herren in gut sitzenden Anzügen – wie gesagt  um halb drei Uhr morgens. Nun wurde uns doch mulmig. Endlich ratterte das Gerät mit der Kreditkartenabrechnung. Unser Shuttle konnte los. Tatsächlich blinkten bald die Lichterpaare mehrerer Autos hinter uns auf.

Irgendwann standen Frank und ich auf dem Flughafen. Wir checkten ein. Ich meine, dass die Dame der Fluggesellschaft noch Blicke mit jemandem hinter mir austauschte, bevor sie mein Ticket durch den Automaten zog, und ich ins Flugzeug durfte. Ach was, vermutlich waren wir schon paranoid.

Die Maschine hob ab und es fühlte sich unendlich gut an, in der Luft zu sein. Der Gitarrenjunge machte den 8. Platz.

Sein Song hieß: Standing Still.

Meine Herrschaften #29

Der Luis konnte fast alles. Er konnte wie ein Gamsbock pfeifen; einem zeigen, wo vor 100 Jahren die Gletscher verlaufen sind; Alpenblumen bestimmen und erklären, welchen Schnaps man aus deren Wurzeln brennt; die Damen wie die Dirndln charmieren – auf Tirolerisch, Englisch oder Französisch; und natürlich Bergkraxeln.

Am besten aber konnte der Luis erzählen.

Meine Lieblingsgeschichte handelt davon, wie es damals genau zugegangen ist, als der Luis im September 1991 den Ötzi ausgepickelt hat. Er war der Hüttenwirt der Similaunhütte gewesen, und eines Abends ist ein Nürnberger Hausmeisterehepaar ohne sich den Schnee von den Schuhen zu putzen hereingestürmt und habe aufgeregt von einem Toten oben beim Hauslabjoch berichtet. Der Luis und seine Buben sind hinauf und haben die Leiche heraus gepickelt. Dabei – und das war die Lieblingsstelle vom Luis – seien der Kammerlander Hans und der Messner Reinhold daher gekommen, die gerade auf ihrer Ostalpenumrundung gewesen seien. „Da isch er dann da gschtandn, da Messner, und hat gscheid dahergeredet“, hat der Luis erzählt. Er könne das Alter der Leiche recht genau bestimmen, habe er   behauptet, diese sei recht sicher zwischen 100 und 130 Jahre alt.

Um etwa 5100 Jahre hatte er sich dabei verschätzt. Wie sich schnell herausstellte, war dieser tote Mann im Eis eine Gletschermumie, und stammte aus der Jungsteinzeit. 

Wenn wir mit dem Luis ins Bozener Museum gegangen sind, um den Ötzi hinter einer dicken Glaswand zu besichtigen, dann war das, als würde er einen alten Bekannten besuchen. Wenn die Frau Museumsdirektorin ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse referierte, zu denen auch die Feststellung gehörte, dass sich der Fund eindeutig auf italienischer Seite befunden habe, dann murmelte der Nordtiroler etwas Grantiges in seinen weißen Bart.

Danach machte er sich dann wundervoll darüber lustig. Ob man die Latschen des Ötzi gesehen habe? Tatsächlich waren die aus Gräser und Halmen geflochtenen Schuhe ebenso im Eis erhalten geblieben und in Vitrinen ausgestellt. „Deshalb glauben die, dass er ein Italiener gewesen isch“, sagte der Luis und lachte. „Wer sonst, als ein Italiener, tät  auf die Idee kemmen, in Halbschuh auf die Berg zu rennen.“

Das schönste Erlebnis aber war, wenn man mit dem Luis die Schafe von der Alm ins Dorf treiben durfte.

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Da die Wiesen Südtirols im Sommer zu wenig Gras geben, kommen die „Schafelen“ aus dem Schnalstal für die Sommermonate auf die satten  Almen  der Nordtiroler Seite des Alpenhauptkamms. Wenn sie dann im Herbst von den Hirten und Boarder Collies zusammengetrieben werden, ist das ein rechtes Spektakel. Besonders wenn die etwa 4000 Schafe über den Gletscher sollen und nur sehr widerwillig über die kalte Eisdecke staksen.

Nach einer kurzen Nacht auf der Martin-Busch-Hütte sind wir dann um vier Uhr morgens auf die Fineilspitze aufgestiegen. Als ich dann von den Endrücken der letzten Tage zu sprechen begann,  drehte sich der Luis  nur um und legte seinen Zeigefinger auf den Mund. Dann flüsterte er: „Kennscht du das elfte Gebot?“ Ich schaute verwundert in Richtung des dunklen Umrisses von Luis. Dann sagte er: „Du sollscht nicht reden.“

Einige Höhenmeter später wussten wir, weshalb der Luis es für angebracht hielt, zu schweigen. Jeden Moment konnte der heilige Moment beginnen, an dem die allerersten Sonnenstrahlen die höchsten Gipfel anblinzeln und dann einen nach dem anderen zum Leuchten bringen. Bis schließlich das Licht das ganze Massiv der Alpenwelt flutet, und man meint, den Planeten, auf dem man steht, ein bisschen als diesen erkennen zu können.

Erst unten beim Frühstück fing der Luis wieder zu erzählen an. Dass in der „Kronenzeitung“ eine Geschichte über den „Fluch des Ötzi“ gestanden habe, weil auffällig viele, die an der Auffindung der Mumie beteiligt gewesen waren, unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen wären. „Darunter auch ein gewisser Luis Pirmpamer“, lachte der Luis. „Ich hab den Redakteur angerufen und ihn darauf aufmerksam gemacht, dass die Geschichte nicht ganz stimmen kann.“ Aber der Journalist habe auf der Richtigkeit seiner Recherchen bestanden, bis der Luis gesagt habe, dass er dann in der nächsten Ausgabe berichten könne, mit seiner Leiche telefoniert zu haben.

Inzwischen ist der Luis wirklich gegangen. Er erlitt in den Alpen einen Gehirnschlag, ist in der Folge ins Koma gefallen. Auf den Tag genau zwanzig Jahre nach der Auffindung des Ötzi hat man ihn einschlafen lassen. Immer wenn ich auf einen Berg gehe und es wunderbar still ist, dann denke ich an sein elftes Gebot und schweige. Und irgendwo in der Ferne glitzert ein Gipfel. 

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